Und dann ging alles ganz schnell

Von Wera Neuhäuser

Ende Februar standen wir noch alle verkleidet und närrisch in den Straßen. Viele Menschen eng auf einem Raum, liebe Freunde, Familie, neue Freunde. Darüber, dass in China ein Virus wütet und dieser jetzt sogar Italien lahmlegt, dass in Italien kein Karneval gefeiert werden konnte, machte sich keiner wirklich Gedanken. Bei uns gab es ja nur ein paar vereinzelte Fälle. Politik und Robert Koch Institut sagten, wir seien stark, bereiten uns vor. „Deutschland ist ein reiches Land.“

Reportagen über das Flüchtlingslager Moria bestimmen die Nachrichten, begleiten mich in Gedanken. Erdogan macht die Grenze auf. Menschen sterben an unseren EU Außengrenzen. Ich bewege mich frei in meinem Land. Ich fahre mehrmals die Woche von Mainz in das Stadtarchiv nach Frankfurt, um Quellen einzusehen für meine Masterarbeit. Ich freue mich schon auf den Frühling, endlich wieder Zeit mit Freunden draußen verbringen. Meine Hände wasche ich jetzt bewusster. 20 Sekunden lang. Bei meinen Jobs an der Uni und an einem Gymnasium auch sehr viel öfter. Die EU Staaten verhandeln miteinander, ob und wieviele unbegleitete Flüchtlinge man aufnehmen könne. Viele Kommunen in Deutschland haben sich schon bereit erklärt, große Zahlen an Schutzbedürftigen aufzunehmen. Die Regierung aber warnt vor einem deutschen Alleingang. Die anderen sollen auch in die Verantwortung gezogen werden. Hat ja bisher immer so gut geklappt. Wie war das, mit gutem Beispiel voran?

Langsam sickern die Berichterstattung und Realität des Corona Virus immer mehr in meinen Alltag. Wochentags 10 Uhr, livestream vom Robert Koch Institut. Kurve abflachen ist der Plan. In Italien werden Ausgangssperren verhängt. In Deutschland sind jetzt tatsächlich häufiger die Regale leer in denen vorher Nudeln, Desinfektionsmittel und Klopapier standen. Warum, frage ich mich. Selbst während einer Ausgangssperre darf man doch noch einkaufen. Hamsterkäufe.

Als sich die Nachrichten am Donnerstag beginnen zu überschlagen, gehe auch ich einkaufen, da ich generell wenig Lebensmittel zu Hause habe, weil ich nicht viel Raum habe diese zu lagern und weil ich regelmäßig mit foodsharing Lebensmittel rette. An diesem Donnerstag habe ich dann doch etwas mehr gekauft. Ich schicke einer Freundin ein Paket nach Italien. In Frankreich werden auch umfassende Maßnahmen verhängt. Das amerikanische College, an dem ich letztes Jahr war, schließt auch. Ich beginne, mit meinen internationalen FreundInnen wieder mehr zu schreiben. Freitag wird die Schulschließung in Rheinland-Pfalz angekündigt. Juhu! Mehr Zeit für meine Masterarbeit. Darauf erstmal zu einer Freundin auf eine Party. Kleiner Rahmen, versteht sich ja zu Corona Zeiten. Ob ich Sonntag wirklich zu meiner Schwester fahren soll? Sie lebt mit ihrem Mann und 4 Monate altem Baby in der Nähe und haben mich eingeladen. Baby-Time als Belohnung für eine produktive Woche. Aber meine Oma ist jetzt auch bei ihnen. Sie soll nicht allein in ihrem Haus festsitzen, falls es bei uns auch zum Lockdown kommt. Außer Corona ist nichts mehr in den Nachrichten. Was wird denn nun aus den ganzen Menschen, die in Flüchtlingscamps an unseren Grenzen unter aller Würde leben? Ist deren Sicherheit nicht auch wichtig? Naja, Mutti Merkel sagt nach vielen Krisentreffen und -telefonaten: „Nein, über Flüchtlinge haben wir heute nicht geredet.“ – „Deutschland ist ein reiches Land… gemeinsam sind wir stark…“  Naja, humanitäre Hilfe können wir anscheinend nur leisten, solange die guten Deutschen abgesichert sind. So ein Müll. Menschenleben aus Moria retten ginge dennoch. Meine Meinung.

Aber ich habe keine Symptome bisher, also fahre ich Sonntag zu meiner Schwester. Ich komme zu dem Schluss, vorerst bei ihr zu bleiben. Hier sind auch noch meine Oma, das Baby und viel Garten und Natur herum. Ich fahre mit meiner Schwester nochmal zu mir, packe meine Sachen, lasse meinen Hamsterkauf zurück, hält sich ja alles, und ziehe zu meiner Schwester. Seit diesem Tag sind jetzt 3 Wochen vergangen. Die Zeit ist sehr verschwommen. Anfangs haben wir noch jeden Tag die Live-Berichte, Live-Streams und Pressemitteilungen gehört und unser Leben kam fast zu einem Stillstand vor dem TV. Mal mit den FreundInnen skypen, telefonieren, die neue Situation muss ja gemeinsam aufgearbeitet werden. Einmal am Tag mit meiner Schwester einkaufen fahren. Dem Wahnsinn kurz entfliehen. Leere Klopapier Regale, TV-Unterhaltung auf meine 76 Jahre alte Oma ausgerichtet, schreiendes Baby, Schwager. Oft helfe ich meiner Schwester bei ihren vielen Aufgaben, verausgabe mich physisch wie emotional, bin so erschöpft von allem. Jeden Tag Kind bespaßen, das Gelaber schon zum gemeinsamen Frühstück und jeder gemeinsamen Mahlzeit danach ertragen, aber immer glücklich sein spielen… jeder kommt an seine Grenzen. Lagerkoller.

Freiräume schaffen. Bewegung. Mich um mich selbst kümmern. Meine Rückenschmerzen zwangen mich dazu, wieder öfter Sportübungen und Yoga zu machen. Nicht viel, ich bin nicht sportlich. Aber jeden Tag knapp eine halbe Stunde half mir schon enorm. Dadurch habe ich auch mehr Energie und Motivation, mein Zimmer mal aufzuräumen und zu putzen, meinen Laptop anzumachen und an meiner Arbeit weiterzuschreiben und mir einfach mal die Freiheit nehmen zu können, mich aus dieser sehr ungewöhnlichen Wohnsituation zu entziehen. Nein, ich muss nicht mit der kleinen Familie meiner Schwester und meiner Großmutter jede Mahlzeit gemeinsam einnehmen und alle Zeiten dazwischen mit ihnen verbringen. Und das ist okay.

Die Regale in den Supermärkten sind mittlerweile wieder voll. Schutzmaßnahmen sind getroffen worden, alles hat sich eingependelt. Abgesehen von den paar Idioten die denken, dass gutes Wetter eine Ausnahme von den Kontaktbeschränkungen darstellt. Ein Ende ist aber noch nicht in Sicht. Die Leute denken wieder. Seenotbrücke ruft zum kontaktlosen Protest auf: die Menschen an unseren Grenzen leiden noch immer. Unsere Schulen machen sich Gedanken über die SchülerInnen denen es daheim vielleicht nicht so gut geht. Die Nachrichten sprechen von einer Zunahme von häuslicher Gewalt, Menschen in Alten- und Pflegeheimen, die eh schon an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden und unsichtbar scheinen, dürfen nichtmehr besucht werden. Wohnungslose sind dem Virus noch empfindlicher ausgeliefert. Deutschland hat doch nicht genug Schutzausrüstung für die Ärzte und Ärztinnen, PflegerInnen, systemrelevante (so ein geflügeltes Wort) Personen. „Deutschland ist ein reiches Land.“ – Ja, es ist ein Luxus, finanzielle Mittel zu haben, aber sind wir auch reich an Solidarität und Liebe zueinander? Diese Pandemie wird Auswirkungen auf jede und jeden von uns haben. Global. Die Fragen die mich heute umtreiben sind: Ist es okay, dass die Politik so sehr in unsere Grundrechte und den Markt eingreift? In welcher Zeit leben wir, dass in New York Kühltrucks hinter Krankenhäusern bereit stehen, um Opfer von Covid-19 aufzubewahren? Werde ich im Herbst meinen Job antreten können? Wie viele Menschen fragen sich gerade wie ihre Zukunft nun aussehen wird und was sie eigentlich morgen essen werden. Ich hoffe, dass wir alle physisch und mental gesund aus dieser Krise herausgehen können und unsere Beziehungen zueinander stärker geworden sind. Vielleicht klingt das naiv, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Viele wichtige Punkte sind mir wahrscheinlich gerade auch einfach nicht eingefallen. Ich schwebe hier einfach über diesem Limbus der meine Abschlussarbeit, meine Familie, Freunde, Gesundheit, mein Land, die Wirtschaft, Solidarität und das große Ganze ist und drehe mich im Kreis. Vielleicht ist das auch zum Teil eine Schockstarre. Dennoch versuche ich im Kleinen einen Fortschritt zu bewirken, auch wenn es nur ein neuer Satz in meiner Arbeit ist, gegen diese überwältigende, allgegenwärtige, alles durchdringende Bedrohung und Situation, der wir gegenüberstehen.

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